#ArcadisCitiesBlog: Science F(r)iction

Fährt die traditionelle urbane Logistik gerade ihre letzte Meile? Für manche Herausforderungen müssen völlig neue Lösungen entwickelt werden. Für andere stehen die Systeme und Plattformen eigentlich bereit, die Hürden sind eher im Spannungsfeld zwischen Unternehmen und öffentlichen Entscheidungsträgern verborgen. Um sie zu überwinden, braucht es Disruption in der Kooperation, und die ist bei der Entwicklung einer neuen technischen oder digitalen Plattform besonders anspruchsvoll. Die urbane Logistik ist so ein Spannungsfeld.

Luftbild eines Logistikcenters

Die Zukunft der urbanen Logistik

Eigentlich weiß jeder, dass die aktuelle Organisation der Warenströme in städtischen Regionen an ihre Grenzen stößt. Verkehrsadern werden immer stärker beansprucht, die Akzeptanz und Toleranz der Öffentlichkeit in Bezug auf volle Straßen schwindet, Immobilienflächen werden immer knapper, das Volumen des Online-Handels steigt kontinuierlich. Die Zustellung auf der „letzten Meile“ ist eine Paradebeispiel an Ineffizienz, die Retouren der Verbraucher erreichen ein beängstigendes Level – und um all das irgendwie zu bewältigen, unterhalten konkurrierende Logistiker auch noch redundante Strukturen, Verteilzentren und Fahrzeugflotten in einer Stadt. Da müssen Effizienz und Nachhaltigkeit im Wortsinne auf der Strecke bleiben.

 

„Futura“: Die zukunftsfähige urbane Logistik 

Wie sieht eine zukunftsfähige urbane Logistik aus, wenn man all die Sachzwänge und Einzelinteressen, die einen suboptimalen Status quo derzeit stützen und schützen, mal für ein paar Minuten über Bord wirft? Wenn man einfach mal den Logistikexperten etwas  Science Fiction schreiben lässt und die Sache vom perfekten Ergebnis her denkt? Nennen wir unsere Zukunftsstadt Futura. In Futura überlegen nicht die Logistikunternehmen „A“, „B“ und „C“ getrennt und unabhängig voneinander, wie sie ihre Ware am besten zum Endkunden bringen. Sie melden ihre Transportaufgaben der Organisation CityLog, einer zentralen kommunalen Gesellschaft, die mit modernster, KI-optimierter Software alle Transportkapazitäten (Transporter, Taxis, Lastenräder, Drohnen, LKW und ÖPNV) optimal kombiniert, steuert und auslastet.  

Die Vorteile: Minimierte Leerfahrten in Futura, keine Mehrfach-Andienung konkurrierender Logistiker in den gleichen Straßen und Vierteln, Entlastung der Verkehrsräume und signifikante CO2-Einsparung. Erhöhung der Stoppdichte und der Sendungsmenge pro Stopp. Auffüllen halbleerer Fahrzeuge während der Tour, auch mit kurzfristig beauftragten Lieferungen. Hochgradige Systemstabilität und Störungsresilienz, kaum Reibungsverluste. Gerade aus der Perspektive des Endkunden in Futura bietet CityLog mit seiner integrierten, nachhaltigen urbanen Logistik nicht etwa Nachteile, sondern eine Verbesserung des Services durch schnellere Zustellung, höhere Transportkapazitäten, weniger Emissionen und mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.   

Wie finanziert Futura ein Vorhaben wie CityLog? Für die Startfinanzierung der Gesellschaft hat sich der Stadtkämmerer ein smartes und wirtschaftlich nachhaltiges Konzept ausgedacht: Die Verkehrswende in seiner Stadt stellt innerstädtische Parkplatzflächen und Fahrwege frei, die zuvor durch den motorisierten Individualverkehr genutzt wurden. Die Vermarktung  dieser Flächenreserve stellt das Start-Kapital bereit, mit dem CityLog Fahrt aufnehmen kann. 

Darüber hinaus sind in Futura die gesamten Logistik-Prozessketten in Bezug auf Energieeffizienz und CO2-Bilanz durchoptimiert. Warenverteilzentren an den Stadträndern sind „Carbon Negative Warehouses“ und in ihrer Energiebilanz keine Konsumenten mehr, sondern Produzenten. Fahrzeugflotten fahren im Schwerlast-Fernverkehr mit grünem Wasserstoff und auf den letzten Kilometern im urbanen Raum vollelektrifiziert. Ihre Routen sind digital so optimiert, dass die Auslastung der Verkehrsmodi, der Verkehrsadern und der prognostizierte Warenströme perfekt austariert werden. 

Die klassische, flächenintensive, eingeschossige Logistikhalle im XL-Format hat in Futura ausgedient. Stattdessen wird der Warenumschlag in den Erdgeschossen von mehrstöckigen Multiuser-Immobilien abgewickelt, in deren Obergeschossen Retail-Flächen angesiedelt sind, die ja ebenso von der innerstädtischen Belieferung profitieren. Die geräuscharme Belieferung, Be- und Entladung mit elektrifizierten Fahrzeugen eröffnet in unserer Zukunftsstadt nicht nur völlig neue Optionen in Bezug auf 24h-Services, sondern auch auf höhere Freiheitsgrade hinsichtlich der der Standortwahl für Logistikimmobilien in Misch- und Kerngebieten. 



Was wir jetzt tun müssen 

Alles Zukunftsmusik? Überhaupt nicht - was die technischen Möglichkeiten angeht, könnten wir heute anfangen, eine deutsche Großstadt in Futura zu verwandeln. Sämtliche technischen Einzellösungen, die wir für eine Systemintegration auf diesem Level benötigen würden, liegen bereit. Was es eigentlich braucht, sind Veränderungen in den Köpfen. Weg von „Das haben wir schon immer so gemacht“ und hin zum „Das funktioniert nicht mehr, wir probieren jetzt etwas Neues aus“. Die Logistikunternehmen sind schlecht beraten, das Problem einfach auszusitzen und zu warten, in welche Richtung sich Gesetzgeber und politische Entscheidungsträger bewegen. Der Druck  in Richtung grüne Verkehrswende und Klimaschutz kann sehr schnell so stark werden, dass Marktakteure ohne vorzeigbare Strategie mit leeren Händen dastehen. Und wer unter Druck improvisieren muss, ist im Wettbewerb immer denjenigen unterlegen, die sich rechtzeitig Lösungen überlegt haben und die Wende proaktiv vorantreiben. 

Der erste Schritt wäre, über den eigenen Schatten zu springen und darüber nachzudenken, wie das eigene Geschäftsmodell in der neuen Futura-Welt aussehen könnte. Im zweiten Schritt sollte man Berührungsängste überwinden, sich mit Wettbewerbern, Logistik- und Mobilitätsexperten und kommunalen Verantwortlichen zusammensetzen, die Phantasie spielen lassen, Konzepte entwickeln und einfach mal ein Pilotprojekt starten. Denn wer in der urbanen Logistik kein Innovationstreiber wird, der ist wahrscheinlich ziemlich bald Getriebener. 

 

 

Gordon Mauer

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