Dürreperiode mit Aufmerksamkeitsdefizit

Warum wir aktuell auch das Kleingedruckte lesen sollten

Ausgetrocknetes Flussbett der Elbe mit trockenem Baumstamm im Vordergrund

Diese Entwicklung betrifft unsere existenziellen Lebensgrundlagen

Sie heißen Jürgen, Keywan, Lori, Max, Nikolas, Odilo und sie geben sich seit Wochen über Mitteleuropa die Türklinke in die Hand. Meine Erfahrung mit Hochdruckgebieten: Sie sind wie Besuch von Verwandten - man freut sich wenn sie kommen, aber irgendwann ist es auch Zeit zu gehen, sonst wird es unharmonisch. Die genannten Cousins und Cousinen (Meteorologen bezeichnen die Clique als „Omega-Lage“) sind ziemlich hartnäckig. Sie blockieren über dem Kontinent seit Mitte März jedes Tiefdruckgebiet, das Wäldern, Äckern, Wasserstraßen und Grundwasserspeichern dringend benötigte Niederschläge bringen könnte. Leider inzwischen ein vertrautes Szenario, das es aktuell kaum in die Schlagzeilen schafft, weil die öffentliche Diskussion von der pandemischen Herausforderung dominiert wird.

Trotzdem sollten wir dieser Entwicklung, die aktuell aus guten Gründen eher auf Seite zwei diskutiert wird, unsere volle Aufmerksamkeit schenken: Sie betrifft unsere existenziellen Lebensgrundlagen. Landwirtschaft ist Primärproduktion, wir können den Anbau von Lebensmitteln nicht wie eine Bundesliga-Saison verschieben. Wer mit offenen Augen durch den Wald oder einen Stadtpark wandert, sieht einen von den letzten Dürreperioden noch geschwächten Baumbestand „auf dem letzten Loch pfeifen“. Der Gütertransport auf den Binnenwasserstraßen ist zunehmend eingeschränkt, die Waldbrandgefahr steigt, wertvolle Böden werden anfällig für Winderosion, Kraftwerke sind auf immer knapperes Kühlwasser angewiesen, der Investitionsbedarf in flächendeckende sichere Trinkwasserversorgung steigt permanent wegen regional kaum regenerierenden Grundwasserspiegeln.

Trotz dieser bedrohlichen Tendenzen gelte ich unter meinen Kolleg*innen nicht als Apokalyptiker und Endzeit-Apologet. Das hat einen einfachen Grund: Im Gegensatz zur Corona-Krise verfügen wir jetzt bereits über wirksame Impfstoffe gegen negative Veränderungen des Wasserhaushaltes, wir wenden sie nur noch nicht überall proaktiv und in ausreichendem Umfang an. Neben langfristig orientierten Programmen für Klimaschutz und Nachhaltigkeit können wir auch kurz- und mittelfristig mehr Resilienz schaffen für die Agrarproduktion, Wasserversorgung, Energieerzeugung und den urbanen Wasserhaushalt. Mit Digitalisierung, technischer Innovation, smart Design und intelligenter Projektsteuerung können wir auch unter schwierigen Bedingungen eine der wichtigsten Lebengrundlagen der Zivilisation sichern.

Mein Eindruck: Wir befinde uns gerade in einem noch nicht komplett abgeschlossenen Bewusstseinswandel. Verfügbares Wasser war für uns in Mitteleuropa in der Vergangenheit so selbstverständlich wie der Sauerstoff in der Luft. Es war einfach immer da, wenn man es brauchte. Erst wenn wir diesem Rohstoff die gleiche Wertschätzung entgegenbringen wie einer kulinarischen Leckerei, gehen wir die Sache mit der richtigen mentalen Einstellung an. Und mit der richtigen Wertschätzung hält man es auch mit Verwandten wie Jürgen, Max und Nikolas ein paar Tage länger aus ...

Dr. Wolfram Tauer

Water Operations & BD/Sales +49 151 17142944 Ihre Frage an mich
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