Compliance Management: Interview mit Jan Bünnemeyer

In seinem Interview verrät Jan Bünnemeyer, General Counsel Arcadis Europe Central, welche Rolle Compliance in seinem Arbeitsalltag spielt und spricht über die größten Herausforderungen im Compliance Management.

Compliance Management Jan Bünnemeyer

In Ihren eigenen Worten: Was ist Compliance?

Unter Compliance ist im Wortsinn zunächst das rechtstreue Verhalten eines Unternehmens und seiner Mitarbeiter zu verstehen. Was wir als Compliance Officer bei Arcadis tatsächlich machen, umfasst allerdings weitaus mehr: Wir fördern und unterstützen das Unternehmen und dessen Mitarbeiter, sich nicht nur gesetzestreu sondern auch im Einklang mit unserem Ethikcode, den „Arcadis General Business Principles“ zu verhalten. Mein Verständnis von Compliance ist also eher ein aktives Forcieren und Bestärken integren Verhaltens. Für den einzelnen Mitarbeiter und die einzelne Mitarbeiterin muss es das Normalste und Selbstverständlichste sein, sich rechtstreu und integer zu verhalten. Funktioniert das in einem Unternehmen erfolgreich, kann das Aufspüren, Abstellen und schlimmstenfalls Sanktionieren von Regelverstößen zum Glück in den Hintergrund treten.

Wie sind Sie zum Thema Compliance gekommen?

Eher zufällig. Als ich als General Counsel zu Arcadis stieß, hatte die Konzernmutter gerade damit begonnen, Compliance unternehmensübergreifend bei den Rechtsabteilungen anzusiedeln. Dies barg natürlich die Gefahr, Compliance primär im Sinne von Regelkontrolle und nicht als Chance zur Prozessverbesserung zu verstehen. Hier musste ich als Jurist auch erst an meiner Einstellung feilen. Das betraf zum einen die Neigung, zuerst in Kategorien von Regelverstößen und Sanktionen zu denken, und nicht an das Ermöglichen und Fördern regelkonformen Verhaltens. Zum anderen kam ich zur Erkenntnis, dass nicht alles, was nach Recht und Gesetz erlaubt ist, auch compliant sein muss. Wertebasiertes Handeln ist daher aus meiner Sicht ein wesentlicher Schlüssel für erfolgreiche Compliance

Was motiviert Sie heute und in Zukunft, sich mit Fragen von Governance, Risk und Compliance auseinanderzusetzen?

Die gute Erfahrung mit Compliance. Zwar ist der Mentalitätswandel in deutschen Unternehmen hin zu Compliance sicher noch nicht abgeschlossen. Ich stelle aber immer wieder fest, dass sich eigentlich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus einem inneren Gerechtigkeitsempfinden heraus rechtstreu verhalten. Jeder möchte doch Erfolg haben, weil er oder sie gute Arbeit leistet und nicht weil man gerade einen unfairen Vorteil ausnutzt. Das zu ermöglichen und zu unterstützen, dafür engagiere ich mich wirklich gern.

Welches war Ihr wichtigstes Projekt im vergangenen Jahr?

Die geltenden Anforderungen des Arbeits- und Sozialversicherungsrechts in die letzten Winkel des Unternehmens zu tragen, war sicherlich eine Herausforderung. Die Planungs- und Beratungsbranche verlangt nach gut ausgebildetem und in vielen Bereichen nach hoch spezialisiertem Personal. Die Verdienstmöglichkeiten sind gut. Zugleich ist die Branche gerade wegen ihres Projektcharakters schnelllebig und erfordert hohe Flexibilität, insbesondere auch in Fragen des Personaleinsatzes. Alles zusammen hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass Spezialisten auf dem Markt oftmals nur noch als Freelancer zu finden waren. Anders als im Gesundheitswesen, im Einzelhandel oder in der verarbeitenden Industrie, wo Arbeitnehmer oder Freiberufler nicht selten mit Projektverträgen ausgenutzt werden, wollen diese oftmals hoch qualifizierten Spezialisten in unserer Branche meist gar nicht in die Festanstellung. Für unsere großen Projekte, zum Beispiel im Bereich Breitbandausbau, bei der Straßen-, Schienen- und Brückeninfrastruktur, bei Hochspannungstrassen oder bei komplexen Immobilienprojekten, brauchen wir aber genau diese Expertise. Wir als Compliance Manager müssen hier unseren Projektleiterinnen und Projektleitern helfen, diese Spezialisten rechtskonform einzusetzen und Scheinselbständigkeit zu vermeiden.

Was sind gegenwärtig die wichtigsten drei Themen aus Ihrem Arbeitsbereich?

Die Umsetzung der EU-Datenschutzgrundverordnung begleitet uns nun seit über einem Jahr. Wir stellen fest, dass viele unserer Geschäftspartner ihre Strukturen erst jetzt auf das erforderliche Schutzniveau anheben. Bei gemeinsamen Projekten erfordert dies immer wieder auch unseren Einsatz. Ebenso bleiben die Sanktionslisten der US-Behörden sowie der EU in unserem Geschäft eine Herausforderung. Die hohe Zahl unserer Projekte entweder mit Auslandsberührung oder mit ausländischen Investments macht es notwendig, schlanke, aber effektive Prozesse aufzusetzen, um auch hier die Compliance sicher zu stellen. Außerdem beschäftigen wir uns natürlich mit der Änderungsrichtlinie zur Vierten EU-Geldwäscherichtlinie und den Änderungen zum Geldwäschegesetz. In diesen Reformen sehen wir ebenfalls noch einmal eine Verschärfung gegenüber der bisherigen Rechtslage.

Was halten Sie für die größte zukünftige Herausforderung im Compliance-Management?

Compliance darf nicht länger ein Schönwetter-Thema für gute Zeiten sein. Vielmehr muss Compliance ein selbstverständlicher Bestandteil unternehmerischen Handelns werden. Bei Arcadis setzen wir dies bereits sehr konsequent um. In vielen anderen Unternehmen in Deutschland, auch in der Bau- und Planungsbranche, wird Compliance aber immer noch unterbewertet. Man schmückt sich mit einem Wertekodex, benennt eine für Compliance verantwortliche Person. Auf die Unternehmensführung hat diese Person allerdings gar keinen Einfluss; unternehmerische Entscheidungen werden ohne sie getroffen. In allen großen Unternehmen, die in den vergangenen Jahren durch mangelnde Rechtstreue auffällig geworden sind, zum Beispiel aus der Bank- oder Automobilbranche, gab es Compliance Abteilungen. Bewirken konnten sie offenbar nicht viel. Das muss sich grundlegend ändern. Eine besondere Herausforderung wird dabei sein, dies in Zeiten stagnierender Wirtschaft umzusetzen. Die Versuchung, durch nicht rechtstreues Verhalten einen kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteil zu generieren, wird in schlechten Zeiten jedoch leider nicht kleiner.

Welche Rolle wird Compliance-Management aus Ihrer Sicht zukünftig in Unternehmen spielen und wie schätzen Sie die Zukunft von Compliance im öffentlichen Sektor ein?

Der Bedarf für gutes Compliance-Management wächst stetig. EU- und Bundesgesetzgeber werden nicht müde, immer mehr Regulierungen zu erlassen und Verstöße durch Strafvorschriften zu sanktionieren. Es ist Aufgabe des Compliance-Managements, die Unternehmen vorausschauend darauf einzustellen. Auch die öffentliche Hand kann sich da in Zukunft nicht ausnehmen. Zwar wird in vielen Behörden bereits gut gearbeitet. Gerade im Hinblick auf die Beschäftigung von Scheinselbständigen oder die verdeckte Arbeitnehmerüberlassung erleben wir aber bei der öffentlichen Hand noch immer eine beeindruckende Ignoranz. Da schließe ich die öffentlichen Unternehmen ausdrücklich mit ein.

Was raten Sie einem Berufseinsteiger? Womit soll sie/er sich befassen, um einen gelungenen Einstieg in das Berufsfeld Compliance zu erreichen?

Berufseinsteiger brauchen zuerst eine solide Basis, beruflich wie in der Persönlichkeitsentwicklung. Im Idealfall eine gute Berufsausbildung und ein paar Jahre Berufserfahrung, dann eine Weiterbildung. Alternativ eine umfassende, gründliche Ausbildung zum Compliance Manager. Ein Compliance Manager muss von seinen Kolleginnen und Kollegen in den Fachabteilungen akzeptiert, aber auch respektiert werden. Reine Paragrafenreiter sind in diesem Berufsfeld ebenso falsch wie jemand, der sich scheut, eine klare Position zu beziehen und diese auch zu behaupten. Thematisch sehe ich aktuell den globalen Trend zur Digitalisierung weit vorn. Rund um den Datenschutz und Data Analytics werfen sich hier relevante Fragen auf. Viele Unternehmen verfügen schon heute über ungeheure Datenmengen zu ihren Kunden ebenso wie zu ihren Angestellten. Damit richtig umzugehen, wird nicht nur eine Frage des Datenschutzes, sondern auch der Ethik sein. Hier steht die Entscheidung an, wie viel von dem, was heute und in Zukunft technisch möglich ist, wir umsetzen wollen und ethisch vertreten können.

Wo holen Sie sich Rat, wenn Sie fachlich mal nicht mehr weiterwissen?

Wir haben bei Arcadis ein hervorragendes globales Netzwerk der Compliance Officer. Hier findet ein permanenter Austausch auch über Einzelfragen statt. Bei aller Internationalität des Unternehmens sind die Dilemmata doch oft sehr ähnlich. Wenn es sich um spezifisch deutsche Fragen handelt, wende ich mich an mein Netzwerk der Regionalgruppe Berlin des BCM. Und bei juristischen Fachthemen natürlich an Kolleginnen und Kollegen aus der Rechtsanwaltschaft.

Was spornt Sie an?

Bei Compliance bin ich Überzeugungstäter. Ich will beweisen, dass ein Unternehmen, das sich rechtstreu verhält, langfristig wirtschaftlich erfolgreicher ist. Compliance macht ein Unternehmen besser – auch wenn sich manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von alten Gewohnheiten verabschieden müssen, speziell was die Netzwerkpflege und das Informationsmanagement angeht.

Was ärgert Sie am meisten im Job – und was freut Sie am meisten?

Wenn Compliance ein Lippenbekenntnis bleibt. Es gibt Auftraggeber, die ihren Ausschreibungen sehr umfangreiche und wohlklingende Ethikkodizes beifügen, mit wundervollen Bekenntnissen zu Fairness, guter Zusammenarbeit etc. Wenn man dann allerdings das ebenfalls beigefügte Vertragsmuster anschaut, entstammt dies noch einer anderen Zeit. Da sollen dann weiterhin alle Bauherrenrisiken auf die Auftragnehmer abgewälzt werden, es gibt strenge Regelungen zu Vertragstrafen und die Zahlungsbedingungen sind alles andere als fair. Das ärgert mich schon.

Freude macht es mir, wenn ich sehe, dass von den Universitäten eine junge Ingenieursgeneration nachkommt, für die Compliance selbstverständlich ist. Die wollen sich einfach rechtstreu verhalten, etwas anderes kommt für sie nicht in Frage.

Nach einem anstrengenden Tag im Büro: Womit entspannen Sie sich?

Das Zusammensein mit der Familie hilft mir, die Themen des Büroalltags hinter mir zu lassen. Mit guten Freunden, gemeinsamem Sport und einer überregionalen Tageszeitung kann ich dann wunderbar relaxen.


Dieses Interview wurde im Original im Journal "Risk, Fraud & Compliance" (ZRFC 05/2019, S. 237) veröffentlicht.


Dr. Jan Bünnemeyer

General Counsel/Chief Compliance Officer +49 151 17143081 Ihre Frage an mich
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