Brauchen Moore eine Lobby?

Über einen unterschätzten Faktor im Klimawandel

Rundweg auf Brücke im Moor

Ihr Schutz ist kein Luxusproblem grüner Missionare

Flugverkehr, Kohlekraftwerke, Verbrennungsmotoren, Ölheizungen, Massentierhaltung – in der Klimadiskussion dominieren traditionell einige „Großthemen“ die Talkshow-Agendas. Schade eigentlich, denn im Schatten der Wortführer machen stille Akteure seit tausenden Jahren einen ziemlich guten Job für den Schutz des Klimas, ohne dafür angemessen gewürdigt zu werden: die Moore. Deren Relevanz im globalen CO2-Haushalt wird chronisch unterschätzt.

Moore binden auf 3% der globalen Landfläche ein Drittel des terrestrischen Kohlenstoffes. Sie entziehen der Atmosphäre durch Bindung von organischem Material weltweit jedes Jahr ca. 150 bis 250 Mio. Tonnen CO2. In Deutschland speichern sie auf 4% der Landfläche die gleiche Menge des klimaschädlichen Gases wie unsere Wälder auf 30% der Fläche. Eine nur 15 cm dicke Torfschicht bindet auf gleichem Areal ähnlich viel Kohlenstoff wie ein hundertjähriger Forst.

Diesen natürlichen Kohlenstoffsenken (… und zuverlässigen Verbündeten im Klimaschutz) wird seit Jahrzehnten zugesetzt: Sie werden trockengelegt, urbar gemacht, besiedelt, agrarisch genutzt und dem Torfabbau geopfert, mit zum Teil skurrilen Folgen - mitunter baut man auf ehemaligen Moorflächen mit öffentlicher Unterstützung Mais an, dessen Biomasse für die regenerative Energieerzeugung genutzt wird. Das alles hat fatale Folgen. Innerhalb von Jahrzehnten werden Klimagase freigesetzt, die diese Ökosysteme über Jahrtausende eingelagert haben. Die künstliche Belüftung der Torfkörper setzt darüber hinaus Lachgas frei, eine Verbindung, deren Global Warming Potential (GWP) fast 300mal größer ist als der von Kohlendioxid.

Man muss kein leidenschaftlicher Verteidiger von Biodiversität und Artenschutz sein, um diese Reduktion und Schädigung natürlicher Moorgebiete für eine schlechte Idee zu halten. Ihr Schutz ist kein Luxusproblem grüner Missionare. Sie spielen eine Schlüsselrolle im globalen Klimawandel und sollten entsprechend behandelt werden. Dabei bringt es nichts, sich auf Maximalforderungen zu versteifen. Die Nutzungskonflikte sind gerade in einem dicht besiedelten Staat wie Deutschland immer präsent und müssen professionell austariert, verhandelt und gesteuert werden.

Die gute Nachricht: Wir verfügen heute über intelligente Instrumente und Werkzeuge, mit denen wir die sensiblen und komplexen Stoff- und Wasserkreisläufe in diesen Ökosystemen exakt erfassen können und die Folgen von Eingriffen und Veränderungen mit hoher Präzision digital simulieren und prognostizieren können. Das bringt eine bislang unerreichte Qualität in Planungsprozesse und Schutzprogramme. Aus dogmatischem „entweder/oder“ wird in der Diskussion zwischen Stakeholdern dann ein konstruktives und faktenbasiertes „sowohl – als auch“.

Eins können wir uns nicht leisten im Umgang mit den Mooren: Zeit verschwenden. Der Schutz dieser Ökosysteme muss auf der Prioritätenliste die gleiche Wertigkeit haben wie die Energiewende und nachhaltiges Bauen. Um es auf die Themenliste der Talkshow-Redaktion zu schaffen, brauchen Moore eine Lobby. Wer macht mit?

Annette Oberle

Projektmanagerin +49 173 4089388 Ihre Frage an mich
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