Klimaschutz und Wassermanagement in der Bundeshauptstadt

Über die Jahre entwickelt man ja so seine beruflichen Obsessionen. Wenn ich durch Städte flaniere, fällt es mir inzwischen richtig schwer, nicht auf alle möglichen Details zu achten, die irgendwie mit Wasser zu tun haben. Das ist wahrscheinlich kein Wunder, wenn man sich jahrelang professionell mit urbanem Wassermanagement beschäftigt. Architekten und Modemacher entwickeln ja auch ihren eigenen Tunnelblick beim Spaziergang. Und so wie Modemachern stilistische Entgleisungen auf den Bürgersteigen sofort auffallen und Architekten instinktiv Bausünden identifizieren, so geht es mir mit Potenzialen in Bezug auf nachhaltige Wasserwirtschaft.

Was den gestressten Wasserhaushalt in Großstädten und Metropolen angeht, sind manche Konzepte so klar und eindeutig in ihrem Nutzen, dass man sich fragt, warum wir sie seit über zwanzig Jahren diskutieren und in der Umsetzung nicht längst viel weiter sind. Unter Expert*innen ist es schon lange kein Geheimnis mehr, wie sich Städte durch nachhaltige Stadtplanung, Quartiersentwicklungen und Architektur klimaresilient aufstellen können und gleichzeitig einen Beitrag für den Klimaschutz leisten können. Aber es ist wie so oft im Leben: Die Transformation beginnt erst, wenn der Leidensdruck stark genug ist. Und dass der im Moment steigt, daran zweifeln nur noch wenige. In Berlin wurden die Weichen richtig gestellt.

Klimawandel, Wetterextreme und die Auswirkungen auf Berlin

Langjährige Aufzeichnungen bestätigen, dass klimatische Extremwerte in Häufigkeit und Ausprägung zunehmen und somit unser jahreszeitlich schwankendes „normales“ Wettergeschehen in den Hintergrund rückt. Dieser Trend wird sich fortsetzen, selbst wenn schnellstmöglich alle Maßnahmen zur CO2-Vermeidung und zum Klimaschutz umgesetzt werden. Der Klimawandel macht auch Berlin nicht halt – die Bundeshauptstadt wird vermutlich noch häufiger von Wetterextremen wie Trockenperioden, Hitzewellen, Starkniederschlägen, Überschwemmungen und Stürmen betroffen sein. Durch das rapide Wachstum Berlins, verbunden mit mehr Wohn- und Büroimmobilien sowie Verkehrsanlagen, besteht die Gefahr, dass sich die Auswirkungen beispielsweise durch die damit verbundene Flächenversiegelung und das Zurückdrängen natürlicher Flächenbestandteile weiter verschärft. Zum anderen öffnen sich Möglichkeiten, durch intelligente Umsetzung die Chancen zu nutzen, die Stadt resilienter zu gestalten.

Beispiel Bundeshauptstadt: Die Verantwortlichen in Berlin und bei den Immobilienentwicklern haben eine Vielzahl von Möglichkeiten, den Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels gegenzusteuern. Und die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Mit dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm 2030 (BEK 2030) greift der Senat konsequent Ziele und Strategien des „Stadtentwicklungsplans Klima“ auf, die auf die Entwicklung einer resilienten Stadt ausgerichtet sind.

Durch die „blau-grüne Brille“: Die Neudefinition von Wasser- und Grünflächen

Einen Schwerpunkt stellen die sogenannten blauen und grünen Infrastrukturen dar, also quasi eine Neudefinition dessen, was man gemeinhin unter klassischen Wasser- und Grünflächen versteht. Die neue Prämisse: Alle Oberflächen des urbanen Raumes - also auch Dächer und Fassaden - sind potenzielle Wasser- und Grünflächen. Durch eine Vielzahl möglicher Maßnahmenkombinationen kann forciert werden, dass sie den Niederschlag vor Ort binden. Hierdurch werden u.a. die Luftfeuchte erhöht, Staub und Luftschadstoffe gebunden, das Grundwasser angereichert und gleichzeitig der Abfluss und somit die Gefahr von Überschwemmungen reduziert. In Trockenperioden profitieren Stadt, Natur und Bürger*innen von dieser Speicherkapazität: Die Bodenspeicher sind aufgefüllt, Bäume und Sträucher ziehen ihr Wasser aus dem Untergrund und überleben länger ohne aktive Bewässerung. Der erhöhte Grünanteil reduziert zudem die Spitzentemperaturen in Hitzeperioden.

Diese „blau-grünen“ Vorhaben können durch einfache bauliche Maßnahmen ergänzt werden: Eine örtlich abgesenkte Freifläche kann im Fall von Starkniederschlägen als kleines Rückhaltebecken genutzt werden, eine niedrige Schwelle vor der Tiefgaragenabfahrt verhindert, dass Oberflächenabfluss direkt in die Tiefgarage fließt, eine Mulde zwischen Geh- und Radweg oder zwischen Gehweg und Straße hält Regenwasser zurück und fördert die Versickerung. Durch eine intelligente Gestaltung und vor allem eine Betrachtung aller Flächen und Bezirke sowie eine konsequente Umsetzung wird der Effekt multipliziert.

Durch diese dezentralen Schritte kann ein erhebliches Volumen an Niederschlagswasser zurückgehalten werden. Wird dies, wie auch in Berlin der Fall, durch bauliche Maßnahmen ergänzt, kann das Schutzniveau für Menschen und Werte signifikant erhöht werden. Berlin baut große „Stauraumkanäle“ unter Grünflächen; das sind überdimensionierte Abwasserrohre, in denen Niederschlagswasser temporär zwischengespeichert und später sukzessive gedrosselt abgegeben wird.

So entstand beispielsweise jüngst in der Westcity in unmittelbarer Nähe des Schlossparks Charlottenburg der Neubau des zweitgrößten - nun vollautomatischen - Abwasserpumpwerkes Berlins. Im Zuge dieser Maßnahme wird mit einem 7000 m³ fassenden Regenbecken und einem großen Stauraumkanal deutlich mehr Speicherkapazität für Abwasser bei Starkregen geschaffen, um Überläufe in die Spree stark zu verringern. In den großen Klärwerken, vorneweg Waßmannsdorf und Schönerlinde, wurden bzw. werden sogenannte Mischwasserspeicher errichtet, die zehntausende Kubikmeter mit Abwasser verunreinigtes Regenwasser zwischenpuffern und nach dem Starkregenereignis einer gezielten Reinigung zuführen. Schließlich muss eine Bauleitplanung die Risiken des Klimawandels verinnerlicht haben.

Als „Sponge City“ (Schwammstadt) durch Trockenperioden und Hitzewellen

Die genannten Maßnahmen werden definitiv dazu beitragen, auch Trockenperioden und Hitzewellen erträglich zu überstehen. Sie werden aber nicht ausreichen. Zum Wohlbefinden der Menschen hat Berlin bereits rund 100 öffentliche Trinkbrunnen installiert. Der Durst von Straßenbäumen und Grünanlagen kann nicht so einfach gelöscht werden. Die meisten Städte haben bereits begonnen, resistentere Bäume im urbanen Bereich zu pflanzen und es wird dazu übergegangen, Rasenflächen in (Blumen-)Wiesen zu überführen.

Der Trend zu den „versteinerten“ Pseudo-Feng-Shui-Gärten wirkt hier übrigens kontraproduktiv. Immobilienentwickler können mitgestalten: Im Außenbereich Wasserflächen als kleine Wasserspeicher für Trockenperioden, Bäume statt Rasen und Bäume zwischen Stellflächen, begrünte Dächer und Fassaden. Ergänzt durch Regenwasser-, respektive Brauchwassernutzung zur Bewässerung von Dächern, Fassaden und Pflanztrögen auf Balkonen. Auch das Wasser beim Urban Gardening kommt im Idealfall nicht aus der Trinkwasserleitung, sondern vom Speicher auf dem Dach. Außerhalb des Bereichs von Wohnimmobilien kann auch in Berlin Grauwasser, also beispielsweise schwach verunreinigtes oder vorgereinigtes Wasser aus der Produktion, auf definierten Flächen zum Bewässern verwendet werden.

Die Bundeshauptstadt in eine „Sponge City“ zu verwandeln, die extreme Wetterereignisse abpuffert, indem sie Wasser kontrolliert aufnimmt und wieder nutzt bzw. ableitet, das alles klingt so plausibel, sinnvoll und technisch machbar. Jeder Quadratmeter des umbauten urbanen Raumes könnte und sollte durch die beschriebene „blau-grüne Brille“ betrachtet und optimiert werden. Warum sind wir also – um auf die Startfrage zurückzukommen – bundesweit nicht längst viel weiter mit der Realisierung dieser Konzepte? Eine der größten Herausforderungen ist wahrscheinlich eine an langfristig nachhaltigen Lösungen orientierte Kooperation zwischen den Stakeholdern im urbanen Raum: Kommunalen Entscheidungsträgern, Investoren, Entwicklern, Eigentümern, Unternehmen, Architekten und Stadtplanern. Dafür braucht es Ausdauer. Die blau-grüne Stadt ist nicht das Ergebnis spektakulärer Einzelprojekte, ihr Effekt basiert auf der Summe tausender Einzelmaßnahmen, deren Wirkungen sich aufaddieren. Um dieser Kooperation den Boden zu bereiten, könnte es Sinn machen, das Wasser- und Grünmanagement von Gebäuden und Quartieren genauso zu priorisieren wie ihre Energieeffizienz und ihre CO2-Bilanz. Den Klimawandel zu bekämpfen und sich gegen seine Folgen zu wappnen, sind letztlich zwei Seiten einer Medaille.  

Es kann also durchaus Sinn machen, öfter mal mit diesem speziellen Tunnelblick durch die City zu laufen, der alles aus Resilienz-Perspektive betrachtet und analysiert. Ich mache in meinem professionellen Umfeld die Erfahrung, dass mehr und mehr Stakeholder und Entscheidungsträger die urbane Welt durch diese Brille sehen und bereit sind, gemeinsam neue Wege zu gehen, um aus unseren Großstädten und Metropolen nachhaltige und resiliente Schwammstadt zu machen. Und an der Motivation der Kolleg:innen hat es sowieso noch nie gemangelt.

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AUTOR

Judith Kraft
Judith Kraft
Head of Urban Water Division
Head of Urban Water Division