AUTHOR

Peter Oosterveer
Chief Executive Officer and Chairman of the Executive Board

Der jüngst veröffentlichte Update-Bericht des Weltklimarates IPCC macht deutlich, dass wir nicht genug tun, um katastrophale Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern. Die Frage, die wir uns alle stellen müssen: Was werden wir tun, um die Umwelt vor dem Fiasko zu bewahren?


Als CEO eines weltweit aktiven Unternehmens, das Planungs- und Beratungslösungen für die natürliche und vom Menschen gestaltete Umwelt anbietet, empfinde ich den Bericht als aufrüttelnde Klage über den Stand der Dinge. Nach Erkenntnissen des World Green Building Council sind Gebäude und Baugewerbe für enorme 39% aller Kohlenstoffemissionen in der Welt verantwortlich. Davon entfallen 28% auf den Energieaufwand für Beleuchtung, Heizung und Kühlung von Gebäuden (Betriebskohlenstoff) und die restlichen 11% auf den Energieverbrauch für die Herstellung von Baumaterialien (gebundener Kohlenstoff). Dieses Reduktionspotenzial ist jedoch nur ein Aspekt dessen, was die Branche angesichts des IPCC-Berichts angehen kann und muss.


Architekten, Ingenieure, Berater – alle, die in diesem Bereich tätig sind, spielen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, durch Emissionsminderung die drohende Klimakatastrophe noch abzuwenden. Wir müssen uns dieser Herausforderung mit innovativen Projekten stellen, die die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels minimieren (Schadensminderung) und die bereits spürbaren Auswirkungen des Klimawandels reduzieren (Adaption).


Anpassung zur Bewältigung unserer gegenwärtigen Lage


Der IPCC-Bericht ist vielleicht auch das deutlichste Zeugnis für die schwierige Umweltsituation, in der wir uns derzeit befinden. Er zeigt, dass der Klimawandel real ist, dass er vom Menschen verursacht wird, dass die Auswirkungen überall um uns herum zu spüren sind und dass sich die Situation nach dem derzeitigen Stand der Dinge schnell verschlechtern wird.


Aus dieser pessimistischen Einschätzung des Zustands der Welt folgt, dass wir jetzt handeln müssen, um uns zu schützen. Wir müssen unsere Resilienz gegenüber den unvermeidlichen Auswirkungen des Klimawandels erhöhen. Das Jahr 2021 hat uns bereits zahlreiche Beispiele für die gegenwärtige Krise geliefert. Mitte Juli führten extreme Regenfälle in ganz Europa zu massiven Überschwemmungen mit mehr als 200 Todesopfern und Schäden in Milliardenhöhe. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nicht nur hier in Europa, sondern überall auf der Welt schnell intelligente Investitionen in eine widerstandsfähige Infrastruktur aufbauen müssen, um uns vor solchen Ereignissen zu schützen.


Es sollte keine Frage mehr sein, ob sich diese Investitionen auszahlen werden. Hier in den Niederlanden mussten wir uns auf die Planung und den Bau von Hochwasserschutzinfrastrukturen konzentrieren, da grosse Teile unseres Landes stark überflutungsgefährdet sind. Und obwohl die Überschwemmungen dieses Sommers hier sehr schlimm waren, hatten wir glücklicherweise das Konzept "Raum für den Fluss" umgesetzt - und es hat sich als wirksam erwiesen. Wir hatten so glücklicherweise keine Verluste an Menschenleben zu beklagen und konnten schnell in die Phase des Wiederaufbaus übergehen.


Am anderen Ende der Welt, im Westen Nordamerikas, war dieser Sommer ebenfalls kritisch: Eine rekordverdächtige Hitzewelle belastete Teile der Vereinigten Staaten und Kanadas. Dieses Extremereignis, das mindestens 900 Todesopfer forderte, wird auch mit den Auswirkungen des Klimawandels in Verbindung gebracht. Ende Juni erreichten die Temperaturen in der Stadt Portland in Oregon eine Temperatur von 47 Grad Celsius. Unsere Städte sind nicht für so hohe Werte ausgelegt. Tatsächlich werden viele urbane Zonen bei extremen Temperaturen zur Todesfalle - ein Phänomen, das als städtischer Wärmeinseleffekt bekannt ist. Um dieses Problem zu lösen, müssen wir unsere Städte umgestalten und viel mehr Vegetation und Wasser auf und um Gebäude herum vorsehen, um die Wärme zu absorbieren und die Umgebung auf natürliche Weise zu kühlen. Dies hat auch den zusätzlichen Vorteil, dass die mit der Kühlung von Innenräumen verbundenen Gebäudeemissionen reduziert werden.


Dies sind nur zwei konkrete Beispiele von vielen möglichen. Intelligente und naturnahe Ingenieur- und Bauverfahren sind ein wesentlicher Bestandteil bei der Bewältigung aller Dimensionen der Krise, einschliesslich des Schutzes von Küstenstädten vor dem Anstieg des Meeresspiegels, der Wassereinsparung angesichts zunehmender Dürreperioden sowie der Gestaltung baulicher Strukturen, die den Auswirkungen extremer Stürme standhalten können.


Abschwächung der globalen Erwärmung


Während wir uns vor der aktuellen Krise schützen, müssen wir auch Massnahmen ergreifen, die zu einem Temperaturrückgang im weiteren Verlauf dieses Jahrhunderts beitragen können. Der Schlüssel liegt darin, die Emissionen so weit zu senken, dass wir schnell einen globalen „Net Zero“ erreichen, d. h. einen Ausgleich zwischen den erzeugten und den aus der Atmosphäre entnommenen Emissionen. Letztendlich müssen wir über diesen Nullpunkt hinausgehen, also aktiv Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernen.


Wie ich bereits dargelegt habe, können wir dies nur erreichen, wenn die Baubranche mit an Bord ist. Wir verfügen bereits über Technologien und Verfahren, die uns entscheidend voranbringen können. Gemeinsam müssen wir uns schnell von der Abhängigkeit von Beton, Stahl, Glas und anderen Baumaterialien mit einem hohen Anteil an verkörpertem Kohlenstoff lösen. Es gibt bereits kohlenstoffärmere Versionen von Beton, und in einigen Bereichen erweist sich Holz als ein weitaus nachhaltigerer Ersatz.


Genauso wichtig ist es, Gebäude und Infrastrukturen so zu gestalten, dass weitaus weniger Material verbraucht wird. Bei den Arbeiten, die Arcadis zur Verfestigung des „Afsluitdijk“-Deiches hier in den Niederlanden beiträgt, konnten wir beispielsweise die erforderliche Betonmenge um 40 % reduzieren, ohne die Struktur oder die zusätzliche Schutzwirkung zu beeinträchtigen.


Wir müssen uns auch mit den Emissionen befassen, die durch den Transport von Baumaterialien entstehen. Dies können wir erreichen, indem wir intelligenter mit Materialien bauen, die bereits auf der Baustelle oder in der näheren Umgebung vorhanden sind. Die weit verbreitete Einführung modularer Bauweisen kann ebenfalls dazu beitragen, die Transportemissionen zu verringern. Der gesamte Bauprozess wird so effizienter und mit Komponenten realisiert, die sich leicht demontieren und emissionsarm an einen anderen Ort bringen lassen. Diese Art von zirkulärem Wirtschaftsdenken muss zur Norm werden, wenn wir den Schaden, den wir der Natur zugefügt haben, rückgängig machen wollen.


Das Bild der Welt, das im IPCC-Bericht gezeichnet wird, ist schockierend und auch etwas entmutigend, aber wenn wir jetzt handeln, können wir die Entwicklung noch korrigieren. Als CEO eines der führenden Unternehmen in diesem Bereich bin ich mir des dringenden Handlungsbedarfs bewusst, und wir bei Arcadis sind fest entschlossen, das Tempo des positiven Wandels zu beschleunigen. Ich weiss auch, dass wir vor gewaltigen Herausforderungen stehen und habe nicht alle Antworten parat. Aber ich bin überzeugt, dass wir mit gemeinsamer Anstrengung eine lebenswerte Zukunft schaffen können. Es ist an der Zeit, alle unsere Möglichkeiten zu nutzen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Architekten, Planer, Ingenieure und alle, die unsere gebaute Umwelt gestalten, können und sollten hier vorangehen und den Weg weisen.

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Peter Oosterveer
Chief Executive Officer and Chairman of the Executive Board